Martin Schulz’ beschissenes Chancenkonto

Martin Schulz hat seinen Plan für ein besseres Deutschland vorgestellt. Ja, es ist nicht der Plan der SPD, es ist der Plan von Martin Schulz. Also von dem, was noch von der SPD übrig geblieben ist und krampfhaft nach einer Daseinsberechtigung sucht.

Der neueste Geistesblitz: Ein Chancenkonto für jeden Arbeitnehmer, gefüllt mit bis zu 20'000 Euro aus der Allgemeinheit. Davon sollen Weiterbildungen und Qualifikationen sowie eine mögliche Selbstständigkeit finanziert werden.

Das Konzept hört sich nett an, ist aber im Grunde beschissen.

1. Das Chancenkonto ist nicht finanzierbar

Das Chancenkonto soll durch Steuereinnahmen finanziert werden und jedem Arbeitnehmer zur Verfügung stehen. Die BILD errechnet daher für 40'000'000 Arbeitnehmer Kosten von bis zu 800'000'000'000 Euro (dazu brauchte es nun echt keinen Matheprofi der BILD!).

Selbst wenn uns, entgegen aller Prognosen, nicht 100 Milliarden sondern sogar 200 Milliarden pro Jahr zum Jahr 2020 zur Verfügung stehen, damit könnte man das Chancenkonto noch nicht finanzieren. Solange Gottkanzler Schulz also noch keine kleineuropäische Invasion plant, dürfte sich sein Chancenkonto bald in Luft auflösen.

2. Das Chancenkonto ist ungerecht

Chancenkonto – ungerecht? Wie kommt's?

Ein paar Beispiele. Ich habe bereits studiert, bin erfolgreich selbstständig und habe meine komplette Berufsausbildung selbst bezahlt. Trotzdem darf ich das Chancenkonto aller anderen mitfinanzieren. Wie erklärt man mir also nun: "Pech gehabt, warst doof genug, für deine Berufsausbildung zu bezahlen! Jetzt erhöhen wir schön die Steuern, damit du als Mittelschichtsidiot noch mehr zahlen musst! Kriegen wirst du nichts, weil du natürlich kein Arbeitnehmer bist!"

Wer selbstständig ist, wird mit Schulz' Konzept des Chancenkontos bestraft.

3. Das Chancenkonto spielt ungerechten Arbeitgebern in die Hände

Wer glaubt, dass mehr Geld im Bildungsmarkt nicht zu höheren Anforderungen führt, der hat nicht mitbekommen, dass man mittlerweile sogar in der Systemgastronomie mit einem Hauptschulabschluss schlechte Karten hat. Schon heute sind die Bildungsanforderungen vieler Arbeitgeber höher als sie sein müssten, die Bewerber sind ja da.

Wenn ein Unternehmer heute einen qualifizierten Arbeitnehmer sucht, aber nicht finden kann, dann muss er selbst in Weiterbildung seiner Mitarbeiter investieren. Das sorgt nebenbei auch dafür, dass dieser Unternehmer seine wertvollen Mitarbeiter nicht für jedes kleine Vergehen rauswerfen möchte.

Wenn aber der Discounter die Fortbildung seiner Mitarbeiter nicht mehr finanzieren muss, was hindert ihn dann an der Kündigung wegen Kleinigkeiten? Und wieso schützen Herrn Schulz' Vorschläge so oft nur die Großen in der Wirtschaft? Was ist mit dem Mittelstand, den die SPD sich mal auf die Fahnen geschrieben hatte? Das Chancenkonto ist ein wunderbarer Weg, um die Zahl der Kündigungen ganz legal zu erhöhen.

4. Das Chancenkonto könnte unsere Bildungsqualität senken

Was passiert wohl, wenn plötzlich jeder Arbeitnehmer 20'000 Euro für seinen privaten Bildungsspaß in die Hand gedrückt bekommt?

Eine kleine Anekdote: Ich kenne viele Leute, die mit Bildungsgutschein studiert haben, d.h. eine Fortbildung durch das Arbeitsamt bezahlt bekommen haben. Und die kann man grob in zwei Lager einteilen: Diejenigen, die sich angestrengt haben, weil sie die Qualifikation erlangen wollten und diejenigen, die einfach nur ihre Zeit abgesessen haben bis zur nächsten Maßnahme.

Wenn wir also all den perspektivlosen Jugendlichen von morgen so einen Batzen Geld in die Hand drücken, dann wird es schnell neue Angebote am Bildungsmarkt geben: Private Fortbildungen mit niedriger Wochenstudiumszeit und langer Dauer. Damit sich unsere armen, perspektivlosen Jugendlichen noch ein bisschen auf der faulen Haut ausruhen dürfen, während sie sich ganz nebenbei zum Schulzfreund qualifizieren.

5. Das Chancenkonto verbessert die Chancengleichheit nicht

Ich bin für Chancengleichheit, keine Frage. Egal, wo man herkommt und was man einmal machen möchte, jedem sollten die gleichen Türen offen stehen.

Das Chancenkonto aber schafft keine Chancen. Denn schon jetzt haben die meisten Eltern von Studierenden ebenfalls studiert. Schon in Grundschulen wird nach Leistung eingeteilt, wer hier das falsche Elternhaus hat, dem bleiben Chancen verwehrt. Und da ändert auch kein Chancenkonto etwas dran. Das Chancenkonto ist nur eine weitere Leistung, die man aufgezwungen bekommt und bezahlen muss, unabhängig davon, ob man das überhaupt möchte.

Übrigens: Sogar der gegenteilige Effekt könnte der Fall sein: Wenn plötzlich jedem 20'000 Euro für Bildung zugerechnet werden können, wer würde dann noch günstige Qualifikationen anbieten wollen? Oder anders ausgedrückt – hat Herr Schulz sich noch nie gefragt, warum die Getränke im Club so teuer sind (auch die alkoholfreien)? Das Chancenkonto ist der beste Weg, um all denjenigen, die keines haben, sämtliche Chancen zu nehmen.

Mein Vorschlag

Wieso sprechen wir nicht mal über einen einfacheren Zugang zu Krediten? Wieso kann es sein, dass sich zur Zeit meines Studiums keine einzige, staatliche Förderbank für mich zuständig gefühlt hat? Wieso bietet meine Hochschule einen Bildungskredit mit doppelter Laufzeit an, während die milliardenschwere KfW mir nicht einmal eine Telefonnummer für mein Anliegen nennen konnte?

In meiner Idealwelt würde der Bildungskredit vom Staat vergeben und einkommensabhängig nach der Qualifikation zurückgezahlt. Einige finden das unfair – schließlich zahlt so ein qualifizierter Arbeitnehmer mehr als einer, der nicht studiert. Aber dafür bekommt der studierte Arbeitnehmer ja auch ein höheres Gehalt.

Der Vorschlag hat drei Vorteile: Der Bildungsnehmer zahlt selbst und kennt daher den Wert seiner Qualifikation, kann ihn auch in Relation setzen. Der Staat bleibt nicht auf einem riesigen Schuldenberg sitzen und die Chancengleichheit wird tatsächlich verbessert.

Martin Schulz’ beschissenes Chancenkonto von Lars.tf ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung 4.0 international.

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